Mein gefühlsstarkes Kind

 

Schon länger muss ich darüber nachdenken, ob mein besonderes, mein gefühlsstarkes Kind und meine MS-Erkrankung in einem Zusammenhang stehen könnten …

Mein großes Kind war schon immer in seinen mehr als sechs Lebensjahren anders. Als Baby schon kannte er kein leises Wimmern oder kurzes Weinen. Er kannte nur Extreme. Weinen war bei ihm immer sofort Brüllen – stundenlang. Es gab nie etwas dazwischen. Er schlief nur in kurzen Intervallen und wehe, man kam auf die Idee, ihn nach stundenlangem (!) Tragen hinzulegen. Die Vertikale war sein Weckruf und er war sofort präsent mit all seiner überschäumenden Energie – positiv und negativ.  Vor allem war er immer eins: laut.

Und unangepasst.

Er war der, der in Krabbelgruppen nie ruhig auf seinem Deckchen lag, er rollte und robbte weg, sobald er das konnte. Mit 10 Monaten entschied er, keine Milch mehr zu trinken – gleich aus welcher Quelle. Das war dann so – unumstößlich.  Mit 11 Monaten krabbelte er – für zwei Wochen. Dann lief er – tadellos und schnell.  Er kennt keine Kompromisse und einmal getroffene Entschlüsse werden nicht revidiert. Er sprach früh und viel – mit Wörtern, die manche Vierjährige nicht beherrschen.

Beim Kinderturnen, so mit etwa zweieinhalb Jahren, stürzte er mich regelmäßig in Verlegenheit und machte mich auch traurig, indem er nie, NIE, NIE! mit den anderen Kindern beim Abschlusskreis sitzen und niedliche Lieder singen konnte. Er rannte seine Runden um die Turnhalle, während ich  versuchte, gute Miene zum “bösen” Spiel zu machen.

Was ich mit meinem wilden Kind ebenfalls früh lernte, war darüber zu lachen, wenn andere Eltern verzweifelt berichteten, ihr Kind habe BESTIMMT 20 MINUTEN einen Wutanfall gehabt. Bei meinem Kind begannen die Wutanfälle bei einer Dauer von einer Stunde, aber drei bis vier Stunden waren auch kein Problem. In gleichbleibender Intensität, Verzweiflung und Lautstärke. Wir wussten uns nicht mehr zu helfen – was stimmte nicht? Was machten wir falsch?

Und es bleibt nicht folgenlos, immerwährend diesen Extremen ausgesetzt zu sein, zwischen blinder Wut und verzweifeltem Klammern. Zwischen eiskalten Blicken eines Kleinkindes, dem Erwachsene nicht standhalten können und einer zuckersüßen Art, die alles und jeden dahinschmelzen ließ.

Auch heute, mit sechseinhalb, ist mein großer Junge extrem. Er zieht an und stößt ab, er polarisiert und ist so einzigartig. Seine Entscheidungen sind unanfechtbar, und er weiß haargenau, wem er überlegen ist. Das können auch Erwachsene sein, das macht gar nichts. (Eigentlich gut so!) Das Unverständnis für seine Person ging so weit, dass wir angesprochen wurden, er müsse zum Kinderpsychologen, er sei gestört, er habe kein Sozialverhalten…

Was ich jetzt weiß, ist: Mein Kind ist nicht krank und auch nicht gestört. Mein großer Junge ist gefühlsstark. (Danke, Nora Imlau Alles ist heftiger für ihn, jede Empfindung und jedes Gefühl intensiver, Mittelwege KANN er nicht gehen, auch wenn dies seinem Umfeld Schmerzen zufügt.

Mein gefühlsstarkes Kind weist Ähnlichkeiten mit meiner Erkrankung, mit der MS auf. Nicht negativ verstehen, aber ich wundere mich bisweilen über diese möglichen Zusammenhänge in meinem Leben. Gibt es diese? Wer hat ein gefühlsstarkes Kind und so eine hinterhältige, jederzeit in voller Stärke und mit verheerenden Folgen zuschlagen könnende Erkrankung?

Doch auch die MS hat – so ungern ich es zugebe – auch im Hinblick auf mein gefühlsstarkes Kind etwas Gutes. Denn nie vorher war ich so reflektiert, so empfänglich und offen für meine Empfindungen und auch für die Belange anderer wie seit meiner Diagnose. Halt, nie bevor ich offensiv begann, mich mit ihr zu befassen. Und je intensiver ich das tue und zulasse, um so bereiter bin ich, mein gefühlsstarkes Kind so nehmen zu können, wie es ist.

Mit all seinen überbordenden Stärken, seinem Mut, seinen Ängsten, seiner Kompromisslosigkeit, seiner Cleverness, seiner Wut und, und, und.

🙂

Mein gefühlsstarkes Kind und meine MS: Starkmacher, Hartmacher und Empfänglichmacher. Und den Blick-auf-die-hoffentlich-positive-Zukunft-Schuler.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.