Traffic Jam

Leer, ausgebrannt, total erschöpft … ohne Plan, woran es liegt. Ist es mein gestriger Geburtstag, wieder einer weniger aus den Dreißigern? Ist es die MS? Aber ich glaube nicht – Fatigue habe ich bisher nicht. Zumindest hatte ich nie etwas, das den Beschreibungen Fatigue-Betroffener ähnelt. Ich bin einfach müde und leer. Und obwohl ich eigentlich gerade gar nicht kann und obwohl ich eigentlich an meinen bezahlten Aufträgen arbeiten sollte, schreibe ich für meinen Blog.

Denn nur jetzt gerade, in diesem Moment, ist dieses Gefühl so echt. Vielleicht war es ermüdend, eine Stunde in der Stau-Hochburg Hansestadt anzustehen. Angehupt zu werden, obwohl ich genauso wenig weiterfahren kann wie alle anderen. Angepöbelt werden von Fußgängern, weil ich auf ihrem Überweg zum Stehen gekommen bin. Der Stau hat mich dorthin gebracht, mein Zutun war es nicht. Ein Stück vorwärts, anhalten, Auto fahren in der Stadt ist eine der schlechtesten Ideen.

Ich fahre Auto, weil im Kofferraum mein Cello liegt. Es ist kaputt, weil ich meine Füße unerwartet nicht hoch genug heben konnte. DAS war die MS, da bin ich mir nun aber sicher. Unschuldig stand das Instrument auf dem Boden, ich wollte mir nur andere Noten holen, Abwechslung schaffen. Und dann: Peng – ich trete dagegen, das Cello stürzt und eine der Saiten, die C-Saite, die stärkste und dickste, löst sich. Das kann ich nicht selbst beheben, das Cello muss zum Geigenbauer. Und weil ich mit dem Bus wohl ebenso lange gebraucht hätte, bin ich ins Auto gestiegen. Die Zeit, die weg ist, ist gleich. Aber Autofahren ist noch trister. Vielleicht. Der Himmel ist gleich grau, es ändert nichts.

Geburtstag haben war schon mal schlimmer – echt jetzt?

Gestern war ja mein Geburtstag. Im Gegensatz zu früher verkrafte ich diesen Tag gut, früher bin ich gar nicht ans Telefon gegangen, wenn ich ein Jahr älter wurde. Das ist jetzt kein Problem mehr. Gestern war ein Problem, oder nein, kein Problem, ein Bestandteil meiner Lebenskonstellation, dass wir frühstücken waren, ein seltenes Erlebnis, wir gehen ja kaum noch aus. Und auch dieses Mal war es ein unsinniges Projekt, denn die Kita rief an: Nr. 2 hat Fieber, wir müssen ihn abholen. Jetzt war es nicht nur mein Geburtstag, ein ohnehin schwieriger Tag im Jahr für mich, sondern auch ein geplatztes Frühstück und ein armes, fiebriges Kind.

Mit glasigen Augen geht es nur noch auf den Arm, alles schwierig, weil ich ja überdies noch immer arbeiten muss. Als selbstständige Mama gibt es kein Kinderkrankschreibenlassen* [EDIT] und kein Fünfe-Gerade-Sein-Lassen am Geburtstag, dem eigentlich so normalen Tag. Während ich mein fiebriges Kind wiege, habe ich im Kopf, dass Aufträge warten. Dann fällt mir ein: Eigentlich ist es richtig gut, dass sie warten. Denn wenn keine Aufträge warten würden, sähe es schlecht aus mit dem nächsten Monat. Wieg-wieg – das wird schon gehen, denn die letzten Jahre ging es ja auch genau so.

Es ist keine Zukunftsangst, strenggenommen, sondern eher die Frage, wie dann am besten jetzt alles zu organisieren ist. Wieg-wieg. Tiefes Atmen, das ist gut, vorsichtig hinlegen, zudecken, Stirn fühlen. Ziemlich warm, aber jetzt ruhig ein wenig fiebern lassen – im Schlaf ist es ok. Dann zurück zum Thema in meinem Kopf – zwischen den Läsionen – kann ich jetzt arbeiten? Bin jetzt gerade wirklich imstande, etwas zu schreiben, das meinem Anspruch gerecht wird? Kann ich immer darauf Rücksicht nehmen – ich denke ja, das muss ich, denn ignoriere ich meinen Zustand beim Arbeiten, kommt nichts raus, was ich abgeben kann, erfahrungsgemäß.

Ich weiß gar nicht, wie der Tag weitergehen soll. Ich könnte noch ein wenig Rätselraten, warum der eine oder der andere Auftraggeber denn meine Rechnung an ihn nun noch nicht gezahlt hat. Obwohl das Zahlungsziel ganz klar draufsteht. Müsste man sich nur dran halten. Selbstständig sein ist toll, aber so einige Sachen daran sind es nicht. Und die passieren auch ohne mein Zutun, ist wie im Stau.

*„kinderkrank“ ist doch für Selbstständige möglich, wie ich jetzt erst herausgefunden habe.  Zumindest, wenn sie über die KSK versichert sind. Gut, dass ich das jetzt auch mal herausgefunden habe … besser spät als nie 🙂

Foto: Alexander Grishin from Pixabay

2 thoughts on “Traffic Jam

  1. Hey, Happy Birthday ! Sicher freuen sich eine Menge Leute, dass es dich gibt ! Du erzählst von vielen Situationen, die mir nur allzu bekannt vorkommen. Der nervige Stau (da unterscheidet sich München sicher nicht wesentlich von Hamburg), die Beschädigung von Dingen durch körperliche Einschränkungen, aber vor allem das Gefühl, dass die Müdigkeit die Oberhand über die ganze Existenz gewinnt. Aber Hey ! Der Frühling kommt, der Sonnenschein und mit ihm auch die Wärme. Viele Grüße vom Fuchs

    1. Lieber Fuchs!
      Ich hab mich sehr über deinen Kommentar gefreut 🙂 Ja, manchmal muss auch das Unschöne einen Platz finden – und wenn es dann nur der Angrenzung zum Nach-vorne-Blickenden dient? Also, auf jeden Fall danke für deine Worte!
      Liebe Grüße
      Gina

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