Fatigue ist nichts dagegen

Ja, das hier ist ein MS-Blog. Aber auch ein Blog einer Mutter, die jetzt seit über einem Jahr den Corona Home-Everything-Scheiß mitmacht. Vor einem Jahr war ich mit meinen Kindern auf Norderney. Da trug noch keiner Masken und ich hatte kurz zuvor einen Artikel darüber geschrieben, dass bei zwei (!!) Menschen in Deutschland das “neuartige Coronavirus” festgestellt wurde. Auf dem Rückweg im Zug kamen dann schon die Eilmeldungen aufs Handy: “Hamburg schließt ab sofort Schulen und Kitas!” Das war erschreckend und surreal, aber natürlich war mir mehr als nicht klar, was das bedeuten würde.

Das weiß ich jetzt. Ein Jahr mit allem und allen zu Hause, mit Existenzängsten, Streit, Tränen. Mit Schulaufgaben, die einfach nur zu Wutausbrüchen führten. Mit verzweifelten Hass-Attacken auf andere Familien, bei denen ein Elternteil voll für ihre Kinder ohne Freunde und ohne Kita und ohne Schule da sein konnten. Die, bei denen ein Gehalt absolut reicht, die nicht MS haben, und die Sätze sagen wie: “Eigentlich finde ich das jetzt ganz gemütlich, wenn man morgens keinen wegbringen muss!” Ein Scheiß! Ihr wisst nicht, was ihr mir antut. Das ist fuckin’ ungerecht. Hier sind nämlich Kinder, die mehr und mehr Medien konsumieren – analog zum Schwinden unserer Kräfte steigt der Konsum. Und wir sehen das und können jetzt einfach nicht mehr. Regelmäßig kommt die Fatigue, überrollt mich, lässt  mich offenen Auges einschlafen. Sorry,  ich sehe nichts Gemütliches daran.

Und heute, genau ein Jahr später, ist es dasselbe Spiel. Bei uns gegenüber wohnt übrigens eine Familie, bei denen offensichtlich niemand arbeitet. Den ganzen Tag hängen sie draußen rum, spielen mit den Kindern und  sehen mich durch meine Terrassentür hindurch am Schreibtisch sitzen. Wie ich meine, hämisch grinsend. Ja, ihr seht das richtig: Ich gucke auf meine Buchstaben am Bildschirm und meine Kinder gucken auf den Fernseher. Oder das Handy. Oder die Konsole. Das seht ihr richtig! Und ich sehe es auch. Aber ich kann einfach nicht mehr und kann es nicht ändern. Ich will, dass sie in ihrer Kita und Schule sind, mit der längstmöglichen Betreuung. Ich will sie hier nicht mehr haben, in dieser elenden Situation. Ich könnte schreien, aber die Kraft reicht nicht mehr.

Wann endet das? Es ist so viel zerstört worden in diesem Jahr, und ja: Ich darf jetzt wütend sein und verzweifelt. Und wenn wir zehnmal ein Dach überm Kopf haben und zu essen – das neben der Arbeit in drei Mahlzeiten pro Tag zuzubereiten ist, die doch nicht gemocht werden. Aber sorry, nach der millionsten Nudelpackung geht auch das nicht mehr. Ganz bestimmt schreibe ich vielen aus der Seele, und bin mir aber sicher, an der Spitze mit dabei zu sein. Was die Überlastung und die Kraftlosigkeit betrifft. Ich wollte doch einfach nur, solange es mit der MS so “gut” geht, meine Lebenszeit genießen. Aber so geht es nicht.

Ach ja und sorry: Es gibt hier heute leider kein Foto. Denn eigentlich habe ich nicht mal zum Bloggen Zeit.

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