Reiten mit MS – Hippotherapie mit MS

Gina reitet

Reiten mit MS

Ich habe es getan! Nach fast 15 Jahren habe ich das erste mal wieder auf einem Pferd gesessen. Und alles, was in meiner Jugend glücklich war: Reiten, ein Pferd streicheln, anfassen, es riechen – war wieder da. Ich glaube, dass ich immer noch high bin.

Und trotz großer Sorge, wie ich mich jetzt „da oben“ schlagen würde, waren schon nach wenigen Runden alle Ängste wie weggeblasen. Alles fühlte sich gut an, die Bewegung des Pferdes, das Getragenwerden – einfach das wirklich unschlagbar Beste für mich. Ich will mehr, ich will es bald wieder tun …

(Trotz Fahrradhelm und Wanderstiefeln – total egal! 😉 )

Reiten – so vieles daran ist gut.

Darum ist natürlich auch Reiten mit MS gut. Therapeutisches Reiten, oder auch Hippotherapie, tut nicht nur MS-Betroffenen wie mir gut, die (noch) keine sehr großen Einschränkungen haben und sich ohnehin auf dem Pferderücken zuhause fühlen. Reiten mit MS ist auch für MSler hilfreich, die mit Gangstörungen oder Spastiken zu kämpfen haben. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 profitieren MS-Patienten in vielerlei Hinsicht von der Hippotherapie: Gleichgewichtsstörungen, Spastiken und sogar Fatigue bessern sich. 70 erwachsene Studienteilnehmer wurden während der genannten Studie nach Losverfahren über einen Zeitraum von zwölf Wochen entweder wie bisher behandelt, also mit Medikamenten und möglicherweise noch Physiotherapie. Die anderen erhielten zusätzlich Hippotherapie – und konnten deutliche Besserungen ihrer Beschwerden feststellen. Grund für die Besserung sei gemäß Veranstaltern der Studie die dreidimensionale Schwingung des im Schritt gehenden Pferdes. Diese leichten Impulse wirkten sich – laut Studienergebnis – positiv auf die Haltung, das Gleichgewicht, die Stützreaktionen und die Muskelspannung aus.

Doch neben der medizinischen Sichtweise gibt es noch eine andere, die auch ich erleben durfte: Pferde sind so sanfte Wesen, sie sind – anders als Hunde – keine Raubtiere. Zwar können Hunde sich auch sehr wohltuend auswirken, doch die Sanftheit durch und durch, die ein Pferd besitzt, kann ein Hund einfach nicht ausstrahlen.

Reiten mit MS tut nachweislich gut!

Gemäß dem Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. ist die Hippotherapie eine „pysiotherapeutische Behandlungsmaßnahme auf neurophysiologischer Grundlage“.  Weil beim Reiten das zentrale und das periphere Nervensystem zusammenspielen, kann der Bewegungsablauf verbessert werden. Nicht nur Patienten mit Multipler Sklerose profitieren von den sanften Schaukelbewegungen auf dem Pferderücken. Das Therapeutische Reiten unterstützt auch die psychotherapeutische oder ergotherapeutische Behandlung.

Bei Menschen mit einer neurologischen Erkrankung wie Multiple Sklerose aber kommt in der Regel die Hippotherapie zum Einsatz. Dies ist eine Einzelbehandlung, die von dem sogenannten Hippotherapeuten am Patienten durchgeführt wird, erfolgt auf einem speziell ausgebildeten Pferd, das ein Helfer an einem langen Zügel führt. Er geht hinter dem Tier, als würde es eine Kutsche ziehen. So hat der Therapeut seitlich am Pferd genug Platz, um am Patienten*in zu arbeiten.

Kind auf Pferd beim Therapeutischen Reiten
Therapeutisches Reiten: Symbolfoto | Bild: GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Die DMSG Hamburg spricht in ihrem Verbandsmagazin auch davon, dass die Hippotherapie alle Sinne berührt, sodass sie sich zudem positiv auf den seelischen Zustand auswirken kann. Das unterstreiche und unterschreibe ich: Ja! Ja! Reiten tut gut, ob mit MS oder ohne.

Die Organisation Behinderung.org spricht ebenfalls von einer „positiven und motivierenden Wirkung auf die Psyche“. Wenn diese Therapieform ergänzend zur Physiotherapie eingesetzt wird, kann sie das Therapiekonzept für behinderte Menschen bestens unterstützen.

Welche Pferde sind für die Hippotherapie geeignet?

Wie andere Tiere auch, haben auch Pferde ganz unterschiedliche Charaktere. Grundsätzlich eignen sich Pferde für die Hippotherapie, die dem Menschen von Natur aus zugewandt, neugierig und auch ein wenig verspielt sind. Außerdem sollten es eher ruhige und wenig schreckhafte Vertreter sein. Interessant ist zudem, dass auch das Geschlecht des Pferdes, je nach Therapieziel und Indikation, eine Rolle spielen kann. So ist für die eine Person eine Stute angebracht, während bei der anderen ein Wallach der bessere Therapiepartner ist. Auch die Größe des Therapiepferdes kann wichtig sein: Wer vorher noch nie Kontakt mit Pferden hatte, wird sich vermutlich zunächst auf einem kleineren Vertreter wohler fühlen.

Anbieter der Hippotherapie sollten daher eine gewisse Auswahl an speziell ausgebildeten Therapiepferden im Stall haben. Die Pferde werden – nach ihrer „Grundausbildung“ – in speziellen Zentren von geschulten Trainern zu Therapiepferden ausgebildet. Diese Ausbildung kann zum Beispiel von dem Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen begleitet werden. Hier stehen bei jeglichem Tun natürlich auch die Bedürfnisse der Pferde und ein achtsamer Umgang mit ihnen im Fokus.

Hippotherapie von der Krankenkasse?

Entgegen neuester Studienergebnisse ist die Hippotherapie nach wie vor kein „verordnungsfähiges Heilmittel“.  So führte beispielsweise das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisburg e. V. bereits mehrere Studien durch – unter anderem eine aus 2018, die die sich speziell mit der Auswirkung von Hippotherapie bei MS-Patienten beschäftigte. In ihr konnte nachgewiesen werden, dass das therapeutische Reiten einen positiven Effekt bei MS-Patienten hat.

Von diesen Studien mit ähnlichen Ergebnissen gibt es mehrere – daher wäre es, liebe Krankenkassen, doch sinnvoll, diese Entscheidung aus dem Jahr 2006 so allmählich noch einmal zu überdenken … ?