Ungehindert

Für die Organisation Ungehindert, die sich für die Rechte behinderter Menschen einsetzt, habe ich in einem Facebook-Post darüber geschrieben, was die Angst vor einer Behinderung durch die Multiple Sklerose mit mir als Betroffene macht.  Vielleicht geht es dir genauso?

Und darüber, dass es oft gut ist, einfach noch ein zweites Mal hinzusehen …

 

Muss ich mich schlecht fühlen, weil es mir trotz MS gut geht?

Gina im Spiegel. garnichtkrank

Mein Mann erzählte mir von einer Frau, die er beim Einkaufen gesehen hatte: „… und an Ihrem Rucksack hatte sie Stöcke befestigt, ich weiß nicht, ob das Gehstöcke oder so Walkingstöcke waren …“

„Das waren Walkingstöcke. Damit fühlt man sich normaler und nicht so krank“, konnte ich darauf antworten.

Denn das Szenario, nach einem MS-Schub nicht mehr gut laufen zu können, hatte ich innerlich schon eine Million mal durchgespielt: „Manche haben diese Stöcke auch an ihrem Rollstuhl befestigt und werden dann blöd angeguckt, wenn sie mithilfe der Stöcke aufstehen – für die wenigen verbliebenen Schritte.“

„Die Frau lief aber schon wirklich anders als du.“

„Ja, noch.“

Mir geht es gut, dafür dass ich MS habe. Man sieht es nicht und ich merke es allermeistens selbst nicht.

Aber ich WEISS es. Und das macht den Unterschied. Außen garnichtkrank, innen total derangiert. Wenn im Kopf die Szenarien kreisen, von allen Facetten beleuchtet, verworfen und neu geprobt werden.

Manchmal denke ich, dass ich mich irgendwie schlecht fühlen sollte, weil es mir im Vergleich mit den andern im selben Boot gut geht. Ich hab kein Uhthoff, keine Fatigue, kann laufen und Radfahren wie ne Große. Ich reite, ich fange meine Kinder, ich kann arbeiten. Mache ich zumindest.

Sollte es schambehaftet sein, eine unheilbare, chronische Erkrankung mit unklarem Ausgang zu haben, an der andere auch leiden – mit dem Unterschied, dass es ihnen oft so viel schlechter geht als mir?

Beim genaueren Nachdenken: Nein. Denn das ständige Verharren, in Erwartung des Paukenschlags, der doch sofort, jetzt, jederzeit kommen MUSS, ist auch echt ätzend. Wirklich.

 

 

Erkältung mit MS

Taschentücher für die Erkältung mit MS

Meine Erfahrung ist: Eine Erkältung mit MS ist 1.000 mal schlimmer als eine ohne MS. Bevor ich an Multiple Sklerose erkrankte, war für mich „eine Erkältung keine Krankheit“.  Wenn ich jetzt niesen muss, weiß ich: Innerhalb von 24 Stunden wird es mich umhauen. Mein Hals ist so entzündet, dass ich meine Sprache verliere und mein ganzer Körper schmerzt.

Mein Rücken fühlt sich an wie nach einem Tag im Steinbruch und ich friere, obwohl mir heiß ist. Eine leichte Berührung meiner Haut brennt wie Feuer – oder wie ein Wärmepflaster (das ich allerdings noch nie vertragen habe).

Erkältung mit MS: Einfach krank fühlen.

Ein Erkältung mit MS macht mich richtig krank. Sonst ja, wie gesagt, als selbstständige Mama garnichtkrank, muss ich jetzt mit so einer Erkältung doch Einschränkungen hinnehmen. Natürlich arbeite ich trotzdem (Du siehst es gerade: ich bin offensichtlich am Laptop und schreibe). Dennoch neige ich während der Erkältung mit MS dazu, sehr anspruchsvolle Aufträge ein paar Tage nach hinten zu verschieben.

Denn während der MS-Erkältung ist die Furcht vor den kognitiven Einschränkungen wieder riesig. Ich spüre, wie mir die Langsamkeit und die abrupten Denk-Stopps geradezu durchs Gehirn kriechen. Schlängeln sie sich dann eigentlich um die Läsionen herum? Oder rasen sie immer wieder gegen sie, wie ein Kleinkind auf dem Bobbycar gegen eine Wand, bevor es weiß, dass man rückwärts fahren kann?

Was machen Erkältung und MS miteinander?

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich im Netz keine fundierte medizinische Aussage dazu finden konnte. Trotz MS schreibt jedoch, dass eine Erkältung einen Schub auslösen kann – aber leider nicht, warum.  Die erfahrene Autorin Heike Führ schreibt dazu in ihrem Blog, dass vorhandene MS-Symptome sowie das mir auch gut bekannte Uhthoff-Phänomen sich während einer Erkältung verschlimmern – spätestens, wenn die Körpertemperatur durch Fieber steigt.

Was sagen meine Kinder zur Erkältung mit MS?

Meinen Kindern ist es ziemlich egal, ob ich erkältet bin oder nicht, ob mit MS oder ohne: Ihre kleine Welt dreht sich in rasendem Tempo weiter – Mama muss mit! Das nehme ich ihnen auch gar nicht übel, denn auch unser Kinderarzt hat bestätigt, dass das Mitgefühl von Kindern in diesem Alter gegenüber ihren Eltern und deren Befindlichkeiten schlichtweg noch nicht ausgereift ist. 😉 Also flüstere und krächze ich mit meiner entschwundenen Stimme  – in der Hoffnung, sie mögen irgendwas tun, das zumindest dem ähnelt, um das ich sie bitten möchte.

Was macht die Erkältung mit MS mit dir? Ich freue mich über deine Kommentare!

 

Beste Blogs für das Leben mit Multiple Sklerose – ich bin dabei!

Top MS Blog 2019

Wenn du die Diagnose „MS“ erhältst, weißt du erst mal gar nichts damit – und mit dir – anzufangen. Du suchst nach Hilfe, nach Rat, nach anderen Betroffenen, die dir sagen können, wie das Leben jetzt funktioniert.

Und wie es weitergehen kann.  Kann es das überhaupt? Also bemühst du nach dem ersten Diagnose-Schock Google, um Infos zu finden – und vor allem echte Menschen, die schon länger mit der MS leben und ihre Erfahrungen mit dir teilen können – und wollen.

So ging es auch mir.

Dankbar saugte ich alles auf, was MS-Blogger aus ihrem Leben mit MS preisgaben. Ich speicherte ihre Life Hacks, vor allem die der Mamas mit MS. Ihre echten Worte, ihr Eingestehen der Schwäche und der Beeinträchtigungen ließen mich mitfühlen.  Und sie ließen mich teilhaben an ihrem unbändigen Optimismus, dem Mut, ihr Leben mit ihrem beeinträchtigten Körper weiterzuleben, mit ihren Kindern und für ihre Kinder.

Nach meiner MS-Diagnose reifte auch in mir langsam, aber stetig der Wunsch, ebenfalls andere Betroffene teilhaben zu lassen und ihnen einen Einblick in mein Leben mit MS, als Mama mit MS und als selbstständige Mama mit MS zu gewähren. Ja, Multiple Sklerose ist schlimm. Aber nicht so schlimm, dass das Leben nicht weitergehen kann.

Das wollte ich nach außen tragen, trotz vieler Bedenken ob des „Outings“. Doch ich habe diesen Blog begonnen, als mein ganz persönliches, garnichtkrankes Ding. Mit vielen Tiefs, aber auch tollen Dingen, die du tun kannst, um mit der MS klarzukommen und sie gehörig im Zaum zu halten.

Als MyTherapy App mich fragte, ob sie mich in ihre Liste der Besten Blogs für das Leben mit MS aufnehmen dürften, ehrte mich das. Denn es zeigte mir: So falsch kann mein eingeschlagener Weg nicht sein.  Er hat Relevanz. Also sagte ich natürlich zu! Denn in einer solchen Liste finden Betroffene, die nach Ihresgleichen suchen, viel schneller die Hilfe, die sie jetzt brauchen:

Die Geschichten aus dem Leben der MS-Blogger, aus ihrem Alltag mit MS, über ihre Träume, Wünsche und Sorgen. Aber auch über ihren Krankheitsverlauf und ihre Medikamente. Denn diese Frage steht auch am Beginn der persönlichen „MS-Karriere“: Welches Medikament nehme ich? Wie halte ich meine Therapietreue ein? (Was echt im Alltag schwierig ist, so oft hörte ich mich schon sagen „Och nö – schon wieder ne Tablette vergessen …“)

Die App von MyTherapy ist also ein Produkt, das vielen Menschen mit chronischen Krankheiten, die regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, das Leben ein ganzes Stück leichter machen. Denn hey: Zwischen Kita, Schule, Büro, Einkaufen, Tierarzt, Kundentermin, Haus … und Co. hast du wirklich, wirklich anderes zu tun, als an diese hässlichen, viel zu großen Tabletten zu denken 😉

World MS Day 2019
Welt MS Tag 2019 #myinvisiblems

 

Über die Unsichtbarkeit – Mein Artikel auf einblick.ms-persönlich.de

Brücke am Meer - Unsichtbare Symptome bei MS

Über die (Un-)Sichtbarkeit

Mit dem Thema Unsichtbarkeit beschäftige ich mich eigentlich erst, seitdem die MS unerwünschterweise in mein Leben getreten ist. Denn warum sonst sollte so etwas Philosophisches Platz finden zwischen dem alltäglichen, bunten Kinderwahnsinn, dem Arbeiten, den 1.000 Terminen …

Doch anlässlich des Welt MS Tag 2019 haben meine Bloggerkolleg*innen von Einblick.MS-Persönlich und ich uns mit dem Thema #MyInvisibleMS aus vielen Perspektiven auseinandergesetzt. Denn das Thema lautet in diesem Jahr:

Keiner sieht's. Eine spürt's. MS - vieles ist unsichtbar.

In meinem Beitrag lasse ich meinen Gedanken zur Unsichtbarkeit im Allgemeinen und der MS im Besonderen deshalb mal so richtig freien Lauf.

Wohin das führt, liest du hier. 

Ich bin nach wie vor dankbar – denn meine MS verhält sich ruhig und ich kann mein Leben weitgehend unbeschwert führen. Alles, was meine MS umtreibt, bleibt anderen verborgen. Jedenfalls meistens …

Wie geht es dir mit deiner MS? Setzt sie auch lieber die Tarnkappe auf oder ist sie doch eher der Typ Rampensau? Schreib mir sehr gerne!

 

 

Reiten mit MS – Hippotherapie mit MS

Gina reitet

Reiten mit MS

Ich habe es getan! Nach fast 15 Jahren habe ich das erste mal wieder auf einem Pferd gesessen. Und alles, was in meiner Jugend glücklich war: Reiten, ein Pferd streicheln, anfassen, es riechen – war wieder da. Ich glaube, dass ich immer noch high bin.

Und trotz großer Sorge, wie ich mich jetzt „da oben“ schlagen würde, waren schon nach wenigen Runden alle Ängste wie weggeblasen. Alles fühlte sich gut an, die Bewegung des Pferdes, das Getragenwerden – einfach das wirklich unschlagbar Beste für mich. Ich will mehr, ich will es bald wieder tun …

(Trotz Fahrradhelm und Wanderstiefeln – total egal! 😉 )

Reiten – so vieles daran ist gut.

Darum ist natürlich auch Reiten mit MS gut. Therapeutisches Reiten, oder auch Hippotherapie, tut nicht nur MS-Betroffenen wie mir gut, die (noch) keine sehr großen Einschränkungen haben und sich ohnehin auf dem Pferderücken zuhause fühlen. Reiten mit MS ist auch für MSler hilfreich, die mit Gangstörungen oder Spastiken zu kämpfen haben. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 profitieren MS-Patienten in vielerlei Hinsicht von der Hippotherapie: Gleichgewichtsstörungen, Spastiken und sogar Fatigue bessern sich. 70 erwachsene Studienteilnehmer wurden während der genannten Studie nach Losverfahren über einen Zeitraum von zwölf Wochen entweder wie bisher behandelt, also mit Medikamenten und möglicherweise noch Physiotherapie. Die anderen erhielten zusätzlich Hippotherapie – und konnten deutliche Besserungen ihrer Beschwerden feststellen. Grund für die Besserung sei gemäß Veranstaltern der Studie die dreidimensionale Schwingung des im Schritt gehenden Pferdes. Diese leichten Impulse wirkten sich – laut Studienergebnis – positiv auf die Haltung, das Gleichgewicht, die Stützreaktionen und die Muskelspannung aus.

Doch neben der medizinischen Sichtweise gibt es noch eine andere, die auch ich erleben durfte: Pferde sind so sanfte Wesen, sie sind – anders als Hunde – keine Raubtiere. Zwar können Hunde sich auch sehr wohltuend auswirken, doch die Sanftheit durch und durch, die ein Pferd besitzt, kann ein Hund einfach nicht ausstrahlen.

Reiten mit MS tut nachweislich gut!

Gemäß dem Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. ist die Hippotherapie eine „pysiotherapeutische Behandlungsmaßnahme auf neurophysiologischer Grundlage“.  Weil beim Reiten das zentrale und das periphere Nervensystem zusammenspielen, kann der Bewegungsablauf verbessert werden. Nicht nur Patienten mit Multipler Sklerose profitieren von den sanften Schaukelbewegungen auf dem Pferderücken. Das Therapeutische Reiten unterstützt auch die psychotherapeutische oder ergotherapeutische Behandlung.

Bei Menschen mit einer neurologischen Erkrankung wie Multiple Sklerose aber kommt in der Regel die Hippotherapie zum Einsatz. Dies ist eine Einzelbehandlung, die von dem sogenannten Hippotherapeuten am Patienten durchgeführt wird, erfolgt auf einem speziell ausgebildeten Pferd, das ein Helfer an einem langen Zügel führt. Er geht hinter dem Tier, als würde es eine Kutsche ziehen. So hat der Therapeut seitlich am Pferd genug Platz, um am Patienten*in zu arbeiten.

Kind auf Pferd beim Therapeutischen Reiten
Therapeutisches Reiten: Symbolfoto | Bild: GNU-Lizenz für freie Dokumentation

Die DMSG Hamburg spricht in ihrem Verbandsmagazin auch davon, dass die Hippotherapie alle Sinne berührt, sodass sie sich zudem positiv auf den seelischen Zustand auswirken kann. Das unterstreiche und unterschreibe ich: Ja! Ja! Reiten tut gut, ob mit MS oder ohne.

Die Organisation Behinderung.org spricht ebenfalls von einer „positiven und motivierenden Wirkung auf die Psyche“. Wenn diese Therapieform ergänzend zur Physiotherapie eingesetzt wird, kann sie das Therapiekonzept für behinderte Menschen bestens unterstützen.

Welche Pferde sind für die Hippotherapie geeignet?

Wie andere Tiere auch, haben auch Pferde ganz unterschiedliche Charaktere. Grundsätzlich eignen sich Pferde für die Hippotherapie, die dem Menschen von Natur aus zugewandt, neugierig und auch ein wenig verspielt sind. Außerdem sollten es eher ruhige und wenig schreckhafte Vertreter sein. Interessant ist zudem, dass auch das Geschlecht des Pferdes, je nach Therapieziel und Indikation, eine Rolle spielen kann. So ist für die eine Person eine Stute angebracht, während bei der anderen ein Wallach der bessere Therapiepartner ist. Auch die Größe des Therapiepferdes kann wichtig sein: Wer vorher noch nie Kontakt mit Pferden hatte, wird sich vermutlich zunächst auf einem kleineren Vertreter wohler fühlen.

Anbieter der Hippotherapie sollten daher eine gewisse Auswahl an speziell ausgebildeten Therapiepferden im Stall haben. Die Pferde werden – nach ihrer „Grundausbildung“ – in speziellen Zentren von geschulten Trainern zu Therapiepferden ausgebildet. Diese Ausbildung kann zum Beispiel von dem Berufsverband für Fachkräfte Pferdegestützter Interventionen begleitet werden. Hier stehen bei jeglichem Tun natürlich auch die Bedürfnisse der Pferde und ein achtsamer Umgang mit ihnen im Fokus.

Hippotherapie von der Krankenkasse?

Entgegen neuester Studienergebnisse ist die Hippotherapie nach wie vor kein „verordnungsfähiges Heilmittel“.  So führte beispielsweise das Zentrum für Therapeutisches Reiten Johannisburg e. V. bereits mehrere Studien durch – unter anderem eine aus 2018, die die sich speziell mit der Auswirkung von Hippotherapie bei MS-Patienten beschäftigte. In ihr konnte nachgewiesen werden, dass das therapeutische Reiten einen positiven Effekt bei MS-Patienten hat.

Von diesen Studien mit ähnlichen Ergebnissen gibt es mehrere – daher wäre es, liebe Krankenkassen, doch sinnvoll, diese Entscheidung aus dem Jahr 2006 so allmählich noch einmal zu überdenken … ?

Garnichtkrank auf Rehacare.de

Interview rehacare Foto: Melina Mörsdorf

Die Interviewanfrage kam unerwartet – von Rehacare, einer Fachmesse für Rehabilitation und Pflege. Ganz kurz musste ich nachdenken, da ich ja eigentlich noch gar nicht so behindert bin – und hoffe, dass es so bleibt. Nach dem Durchsehen der bisherigen Beiträge der Reihe „So tickt …“ auf Rehacare.de war ich mir aber doch sicher, dass auch die MS und auch in einem „unsichtbaren“ Stadium, dort eine Präsenzberechtigung hat.

Also machte ich mit:

Die standardisierten Interviewfragen lockten einen Blick hinter die Kulissen der unsichtbaren Krankheit Multiple Sklerose hervor.  Hinter das ganz normale Mama-im-täglichen-Wahnsinn-Bild und den Struggle mit der ernst gemeinten und existenzsichernden Freiberuflickeit. Ich finde, diese Darstellungsform bietet eine gelungene Plattform, die zeigt, dass Menschen mit (drohender) Behinderung zum einen die selben Alltagssorgen und -nöte haben wie alle anderen. Andererseits wird – auch beim Lesen der anderen Interviews – klar, dass wir chronisch Kranken einen deutlich anderen Blick aufs Leben bekommen haben.

Zum einen bodenständiger, zum anderen entrückter. Wir „ticken“ eben anders. Und es ist für uns nicht mehr ganz so aalglatt möglich, unseren Weg so zu gehen, wie er einmal gedacht war. Er mäandert durch deutlich spürbare Hochs und Tiefs, bedeutet ein zigfaches Hinterfragen von Entscheidungen, denn auf einmal geht wirklich einiges nicht mehr. Zumindest nicht mehr so wie früher.

Als Fazit zu meiner Interviewerfahrung bei Rehacare kann ich sagen, dass mir noch einmal deutlich wurde, welch hohe Bedeutung jetzt ethische Werte für mich haben. So wichtig, dass sie das Wertvollste und nicht Hinterfragbarste sind, was ich meinen Kindern mitgeben will.

Foto: Melina Mörsdorf

 

Nicht mehr mein Freund

Nicht mehr mein Freund garnichtkrank

„Du bist nicht mehr mein Freund!“

– „Das macht nichts: Ich bin deine Mutter!“

*Schweigen*

„Aaaaarm!“

Wie verklärend einfach so ein emotionsgeladener Dialog mit einem fast Dreijährigen sein kann! Die größte Wut, verpackt in der Erklärung, man sei wegen seines Fehlverhaltens jetzt ausgeschlossen aus der kleinen Welt des 15kg-Männchens.

Und dann die Anerkennung: Ja, die große Frau muss ich mir nicht mit dem schwammigen und vielleicht unverlässlichen Band einer Kleinkindfreundschaft sichern. Die große Frau ist immer, ist trotzdem, da und will mich auch dann haben, wenn ich sie ausschließe und wenn ich auch noch so sehr stampfe und schreie und so unglaublich wütend bin.

Mein Kleinster, nicht-Gefühlsstarker, für den die Welt sortierbar und nicht jede Emotion überbordend ist. Für ihn ist vieles so schnell wieder so klar und nachvollziehbar und greifbar. Auch diese verstehende Gefühlswelt darf im Vordergrund stehen und verdient so viel Beachtung – dieses Gleichgewicht, das einfach im Lot ist, so natürlich und gesund inmitten der großen, zu großen Emotionen und Nervenverwirrungen.

Keine Zeit!

Keine Zeit garnichtkrank MS Mama

Mein Blogbeitrag „Warum Zeitdruck mit MS (doch) nicht sein muss“ auf einblick.ms.persönlich.de

In diesem Beitrag geht es um das Zeitproblem, das mir erst seit der MS-Diagnose in dieser Form bekannt ist. Denn es ist so: Wenn auf einmal ehemals ganz selbstverständliche Dinge – zum Beispiel mein Kind tragen – nicht mehr verlässlich funktionieren, kommen die Fragen.

Neben den Fragen nach dem „Warum ich?“ geht es auch um die Zukunft. Denn die Multiple Sklerose ist eine unglaublich unvorhersehbare Erkrankung. Entweder es bleibt mit ihr eine sehr lange Zeit (Für immer?) so relativ gut, wie es mir mit ihr gerade geht. Oder es sind plötzlich mehr und mehr Einschränkungen da: In den Beinen oder Armen zum Beispiel – wer spielt denn dann mit meinen Kindern auf dem Spielplatz?

Oder im Kopf: Wer arbeitet dann für mich und wie kann meine Existenz bestehen bleiben? Oder Zahlreiches mehr …

Und weil all dies und vieles Weitere über Nacht zu deinem wahren schrecklichsten Albtraum werden kann, beginnst du zu überlegen: Was wollte ich schon immer machen und sollte es tunlichst sofort tun, da die Zeit knapp wird? Da sind sooo viele Sachen. Die jetzt gehen. Und morgen vielleicht nicht mehr.

Als ich meinen Beitrag  „Keine Zeit“ für einblick.ms-persönlich geschrieben habe, kam ich ins Grübeln. Ist das eigentlich wirklich so? Wie ist es eigentlich tatsächlich bei mir, nach einem gründlichen Realitätscheck? Das Ergebnis: Ich habe rein faktisch nichts verändert seit der MS-Diagnose. Und das ist, unfassbar, aber wahr, GAR NICHT SCHLIMM! Dann bin ich eben eine Mama mit MS, die einfach ganz alltägliche Dinge auf einmal viel mehr schätzt …

Du willst die Hintergründe wissen? Dann lies meinen ganzen Beitrag „Warum Zeitdruck mit MS (doch) nicht sein muss

Rezension: Willi Wolke und der kleine Schneemann

Willi Wolke und der kleine Schneemann

„Denn egal, ob man ihn sieht oder nicht – der, den man lieb hat, ist immer bei einem.“

Zwei Wesen, die Grundlegendes gemeinsam haben, lernen sich – und auch schnell ihre Gemeinsamkeit, den Schnee – kennen und werden Freunde. Willi Wolke, der Wolkenteurer, der sich so sehr wünscht, eine Schneewolke zu werden und der kleine Schneemann, bestehend aus Schnee, werden schnell enge Freunde. Sie lernen, sich umeinander zu sorgen – zum Beispiel, wenn Willi Wolke beim Kugeln im Schnee plötzlich unter den Massen verschwindet. Sie erleben aber auch die Freude, wenn sie erkennen, dass alles gar nicht so schlimm war.

Sie spielen den ganzen, schneereichen Winter miteinander. Doch auf einmal wird es ernst: Denn der kleine Schneemann fragt Willi, der so gerne eine Schneewolke sein möchte, ob er SEINE Schneewolke werden will. Denn der Frühling naht, und alle Schneemänner schmelzen, wenn es wärmer wird. Willi Wolke und auch Leser*innen erkennen mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, dass Willis Freund, der kleine Schneemann, bald verschwunden sein wird. Doch der Schneemann erläutert, er sei gar nicht weg, er verändere nur seine Form.

Willi versteht nach langem Nachdenken voller Trauer, dass jemand nicht weg ist, nur weil man ihn nicht sehen kann. Er beschließt, seinem Freund, dem Schneemann, zu helfen, sobald er zu schmelzen beginnt. Er will ihn, wenn er zu Wasserdampf geworden ist, einsammeln und zu einem hohen Berg tragen, um ihn dort als Schneeflocke abzusetzen.

„Der Frühling begann und der kleine Schneemann verabschiedete sich von Willi. Als der kleine Schneemann nur noch eine Wasserpfütze war, half ihm die Sonne, sich behutsam in Wasserdampf zu verwandeln. Willi war natürlich sofort zur Stelle, um den kleinen Schneemann einzusammeln und auf seiner Reise zu begleiten.“

Behutsam trägt Willi seinen Freund in sich, bis es Winter wird. Das ist für ihn, der ja noch eine kleine Wolke ist, nicht leicht. Doch die zarte Stimme des kleinen Schneemanns, die er in sich trägt, ermutigt ihn immer wieder aufs Neue. Als es schließlich Winter ist und Willi seinen Freund als unzählige Schneeflocken in die winterliche Welt entlässt, ist er zum einen sehr traurig über das Ende dieser Reise. Zum anderen lächelt er jetzt jedes Mal, wenn er Schnee sieht. Denn er erinnert ihn immer an seinen besten Freund, den kleinen Schneemann.

Willi Wolke und der kleine Schneemann Rezension


Ich danke Rachel Wolke und dem pastis verlag dafür, mir ihr Buch „Willi Wolke und der kleine Schneemann“ zur Rezension zu überlassen und mir damit ihr Vertrauen zu schenken.

Obwohl – oder gerade weil? – diese metaphorische Geschichte so rührend ist, war es für mich nicht leicht, sie zu lesen und die Rezension zu schreiben. Denn die Themen Verlust, Mut fassen und Freude erneut gewinnen sind für mich aus mehreren Gründen so präsent. Es ist zum einen meine Auseinandersetzung mit der chronischen Erkrankung MS, die mein Leben drastisch hinterfragt. Es sind Verluste, die ich zu betrauern habe, weil mein Körper nicht mehr so funktionieren kann, wie es richtig wäre.

Und das Lesen von Willi Wolke war für mich ungleich anrührend, weil ich, seitdem ich Mutter bin, Ängste um meine Kinder habe, die ich vorher nicht kannte. Als ich beim Lesen des Buches mit der Verlustangst („Frühling“) um meine Kinder konfrontiert wurde, hat mich das zutiefst bestürzt.

Zugleich dachte ich an tatsächliche, bereits erlittene Verluste …

Doch was Willi Wolke, der Wolkenteurer, erlebt, erlebe ich auch: Wen man lieb hat, der ist irgendwo noch da, denn er hat einen festen Platz – auch wenn man ihn nicht sieht.